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Meine kleine Wohnung

Was man auf wenig Raum über Großzügigkeit lernt

Ich habe bis vor kurzem in einem viel zu großen Haus gewohnt. Ein altes Bauernhaus mit breiten, ziemlich nutzlosen Gängen, kleinen Zimmern, Treppen, mehreren Etagen und viel zu vielen Räumen. Ein Grundriss, der über die Jahre gewachsen war und irgendwann mehr Möglichkeiten bot, als wir eigentlich brauchten.

Nun steht ein großer Umbau bevor und ich muss raus. Zum ersten Mal in meinem Leben ziehe ich in eine kleine Wohnung nach Innsbruck.

Das ist für mich eine interessante Erfahrung. Denn seit Jahrzehnten beschäftige ich mich damit, große Häuser einzurichten. Ich bin es gewohnt, großzügig zu denken: Räume für verschiedene Lebenssituationen, Rückzugsmöglichkeiten, große Möbel, Kunst, Licht, Blickachsen. Und plötzlich muss ich dieselben Fragen auf deutlich weniger Quadratmetern beantworten.

Dabei merke ich: Eine kleine Wohnung ist nicht einfach ein großes Haus in klein. Sie verlangt andere Entscheidungen.

Wir suchen beim Einrichten ja gerne nach möglichst vielen Möglichkeiten. Einen gemütlichen Platz zum Lesen, einen zum Fernsehen, einen zum Arbeiten, einen zum Essen, einen für Gäste. Am Ende haben wir viele kleine Gelegenheiten – aber manchmal keinen einzigen Ort, an dem wir wirklich gerne sind.

Vielleicht ist genau das die erste Erkenntnis: Eine kleine Wohnung braucht nicht möglichst viele Möglichkeiten. Sie braucht die richtigen.

1. Je kleiner die Wohnung, desto wichtiger die Innenarchitektur

In einem großen Haus kann man einen Fehler manchmal mit Raum ausgleichen. In einer kleinen Wohnung geht das nicht. Hier gibt es vielleicht genau einen guten Platz für den Esstisch, einen für das Sofa, einen für den Blick nach draußen und einen, an dem man wirklich gerne liest. Diese wenigen Entscheidungen müssen sitzen.

Deshalb würde ich bei einer kleinen Wohnung noch mehr Zeit in die Planung investieren als bei einer großen. Und nein, das kann man nicht unbedingt selbst, nur weil man einmal einer guten Freundin beim Einrichten geholfen oder ein paar Wohnzeitschriften gelesen hat. Ein Raum ist schnell möbliert. Ihn richtig zu planen, ist etwas anderes. Manchmal braucht es jemanden, der von außen schaut, die Gewohnheiten hinterfragt und erkennt, was der Raum eigentlich kann.

Aber bevor ich entscheide, „was“ in eine Wohnung kommt, muss ich wissen, „für wen“ ich sie einrichte. Deshalb arbeite ich bei meinen Innenarchitekturprojekten mit unserer Wohnstilanalyse. Sie hilft mir herauszufinden, was einen Menschen wirklich anspricht: ob er Ruhe und Reduktion sucht oder Wärme und Tradition, ob er starke Kontraste braucht oder eine stille, zurückhaltende Umgebung. Das ist mehr als eine Auswahl schöner Bilder. Es geht darum, den persönlichen Wohnstil sichtbar zu machen – und herauszufinden, was einem wirklich entspricht und was vielleicht nur deshalb gefällt, weil es gerade überall zu sehen ist.

Ich habe diese Analyse natürlich auch für mich selbst gemacht. Es war durchaus spannend, sich einmal nicht als Innenarchitekt, sondern als Bewohner zu betrachten. Das Ergebnis zeige ich hier – und die Wohnung gleich dazu.

Gute Planung spart nicht nur Platz. Sie finanziert sich immer selbst.

2. Eine Wohnung braucht einen Lieblingsplatz

Früher haben wir dazu „das gemütliche Eck“ gesagt. Ich glaube, jede Wohnung braucht so einen Ort – eine kleine Wohnung in der Wohnung. Aber eben nur einen.

Das klingt zunächst nach Einschränkung, befreit aber ungemein. Wenn man fünf Lieblingsplätze hat, muss man sich schon wieder entscheiden, wo man eigentlich hingehen möchte. Vielleicht ist der Lieblingsplatz das Sofa. Vielleicht der Platz am Tisch. Vielleicht ein Lesesessel am Fenster. Entscheidend ist nicht, welcher es ist, sondern dass man ihn findet.

Und vielleicht darf er auch ein wenig übertrieben sein. Ein Sofa etwa, das für den Raum fast zu großzügig erscheint. Gerade kleine Wohnungen brauchen nicht zwangsläufig kleine Möbel. Ein großes Möbel kann Ruhe und Haltung geben. Wichtig ist nur der Kontrast: Das Große braucht Leichtigkeit als Gegenüber. Kleinere Sessel, ein feiner Tisch, eine schlanke Leuchte. Erst der deutliche Unterschied der Proportionen schafft Spannung.

3. Schwierige Stellen sollte man nicht möblieren, sondern lösen

Der kleine Vorraum, der lange Gang, die vielen Türen: In einer großen Wohnung kann man über solche Dinge leichter hinwegsehen. In einer kleinen schaut man sie jeden Tag an.

Hier beginnt für mich die eigentliche Arbeit der Innenarchitektur – und ganz besonders der Tischlerei. Eine durchgehende furnierte Wand kann Türen verschwinden lassen. Ein Einbau kann einen Gang beruhigen. Eine große Fläche kann aus vielen kleinen Wandstücken wieder einen Zusammenhang machen. Stauraum kann dort entstehen, wo vorher scheinbar gar keiner war.

Deshalb glaube ich inzwischen: Eine kleine Wohnung braucht mehr Tischler als Möbelhaus.

Nicht mehr Möbel, sondern Lösungen, die genau für diesen Raum gemacht sind. Die Tischlerei kann jeden Zentimeter nutzen, ohne dass die Wohnung danach aussieht, als wäre jeder Zentimeter genutzt worden. Sie kann Verbindungen schaffen, Türen verschwinden lassen und aus schwierigen Stellen etwas Selbstverständliches machen. Und manchmal lässt sich damit eine Wohnung tatsächlich größer erscheinen, als sie ist.

4. Der Ausblick ist Teil der Einrichtung

Wenn eine kleine Wohnung einen guten Ausblick hat, ist das ein Geschenk. Man sollte ihn nicht zustellen.

Zu viele Pflanzen nehmen ihm die Show. Zu viele oder zu große Bilder können den Blick fangen, schlimmer noch: ihn beherrschen. Aufdringliche, ausdrucksstarke Kunst kann in einem kleinen Raum zu optischem Lärm werden. Das Gleiche gilt für zu viele unterschiedliche Materialien und Farben.

Ich würde deshalb mit all dem sparsam umgehen. Nicht jede Wand braucht ein Bild, nicht jede Ecke eine Pflanze und nicht jeder freie Platz ein Möbel. Gerade auf wenig Raum sind wenige, dafür gute Dinge stärker: Holz, Stein, Stoff, Leder, ein Bild, das wirklich etwas erzählt.

Und auch beim Licht gilt: nicht möglichst viel, sondern möglichst gut. Licht soll den Raum gliedern, Tiefe schaffen und den Blick führen, nicht selbst ständig Aufmerksamkeit verlangen.

5. Stauraum ist das Nervensystem einer Wohnung

Je kleiner die Wohnung, desto wichtiger wird der Stauraum. Aber desto weniger sollte man ihn sehen.

Die besten Lösungen sind jene, die selbstverständlich wirken: Schränke, die Teil der Wand werden, Türen, die verschwinden, Nischen, die genutzt werden, ohne sich aufzudrängen. Genau darin liegt eine der großen Möglichkeiten der Maßanfertigung. Man kann Stauraum genau dorthin bauen, wo er gebraucht wird, und gleichzeitig dafür sorgen, dass er den Raum nicht kleiner macht.

Sichtbarer Stauraum schafft Ordnung. Unsichtbarer Stauraum schafft Großzügigkeit.

6. Nicht alles darf mit

Das ist für mich gerade die schwierigste Übung.

Wenn man aus einem großen Haus in eine kleine Wohnung zieht, muss man Entscheidungen treffen. Was darf mit? Was bleibt zurück? Manche dieser Entscheidungen sind schmerzhaft. Bücher, Bilder, Dinge, die einen lange begleitet haben – plötzlich reicht der Platz nicht mehr für alles.

Aber vielleicht liegt gerade darin auch etwas Gutes. Sich für jene Dinge zu entscheiden, die einem wirklich etwas bedeuten. Die Bücher zu behalten, die man wieder lesen möchte. Das Bild, das man immer noch gerne ansieht. Den Gegenstand, der eine Erinnerung trägt und nicht nur Platz braucht.

Eine kleine Wohnung zwingt einen manchmal zu einer Frage, die wir uns viel öfter stellen sollten: Was tut mir wirklich gut?


Vielleicht ist das die eigentliche Lektion meiner kleinen Wohnung.

Großzügigkeit entsteht nicht durch Quadratmeter. Sie entsteht durch gute Entscheidungen, durch Proportionen, Blickachsen, Licht und Materialien. Durch Dinge, die bleiben dürfen – und durch den Mut, andere wegzulassen.

Und vielleicht auch dadurch, dass man einen Raum nicht nur danach einrichtet, wie man bisher gelebt hat, sondern danach, wie man gerne leben möchte.

Alain de Botton beschreibt in Glück und Architektur einen Gedanken, der mir dabei immer wieder kommt: Räume können uns daran erinnern, wer wir sind – und wer wir sein könnten. Vielleicht ist das die schönste Aufgabe beim Einrichten. Nicht einfach eine Wohnung möglichst gut einzurichten, sondern einen Ort zu schaffen, der uns guttut und uns ein wenig dabei hilft, die nächste Version von uns selbst zu werden.

Meine kleine Wohnung ist für mich jedenfalls gerade ein ziemlich gutes Experiment.

Und wer wissen möchte, welche Fehler ich dabei gemacht habe, ist herzlich eingeladen zu „Samstags bei Wetscher“. Dort zeige ich die Wohnung und erzähle, was ich ausgerechnet bei meiner eigenen Einrichtung anders machen würde.

Denn nach all den großen Häusern, die ich eingerichtet habe, ist es vielleicht ganz gesund, einmal selbst auf wenig Raum zu scheitern.

Und daraus zu lernen.