Ein Sommer wie aus dem Süden
Die Sonne kommt vom Unterland herauf. Im Herbst steht sie schon tief, ihr flacher Strahl bricht sich an den goldenen Kugeln des Innsbrucker Doms, und für einen Augenblick leuchten sie so hell, dass man den Blick abwenden muss. Ich sitze am großen Tisch, der zum Frühstück gedeckt ist, vor mir der Kaffee, und schaue durch die großen Fenster über die Stadt, zum Bergisel, über die Dächer von der Serles bis zur Nockspitze und zu den Schrofen daneben, die in diesem Licht die Nähe zu den Dolomiten geradezu dramatisch erscheinen lassen. Der Duft des heißen Kaffees holt mich schließlich zurück. Und mit ihm eine Frage, die mich seit dem Sommer beschäftigt: Warum gibt es hier eigentlich keine Fliegen?



Den ganzen Sommer über habe ich keine einzige jagen müssen. Keine großen, behäbigen, die morgens auf dem Land gerade dort sitzen, wo man sie nicht haben will, und auch keine dieser winzigen, die im Juni plötzlich in solchen Mengen erscheinen, als hätten sie sich über Nacht verabredet. Vielleicht gehört auch das zu den kleinen Vorzügen der Stadt, die man erst bemerkt, wenn man vom Land kommt.
Und dann dieser Sommer. Heiß, sonnig, mit warmen Abenden, an denen der Pullover, den man in Tirol gewöhnlich griffbereit liegen hat, einfach liegen blieb. Ein Sommer fast wie aus den frühen Kindheitserinnerungen. Und wenn die Hitze doch einmal zu viel wurde, musste man ihr nicht einmal entkommen. Die Hungerburgbahn, das Fahrrad, unzählige Wege führen aus der Stadt hinauf in eine andere Luft, eine andere Temperatur, eine andere Welt. Die Hungerburgbahn schafft das in wenigen Minuten, das Fahrrad braucht etwas länger. Unten liegt Innsbruck im Tal, plötzlich klein und überschaubar, mit jenem Blick, den man sonst nur aus dem Flugzeug kennt. Vielleicht ist das eine der schönsten Formen von Luxus: Man muss nicht fort, um woanders zu sein.

Dorf in der Stadt
Ich bin in Innsbruck geboren. Als Kind war Innsbruck jene Stadt, in die man fuhr, wenn es etwas Besonderes zu besorgen gab. Und selten fuhr man mit leeren Händen wieder heim. Die Fahrt nach Innsbruck war damals noch Tagesprogramm. Eine Reise in die große Stadt.
Nun wohne ich seit einem halben Jahr wieder hier, für einige Monate, und betrete dabei ein Stück der eigenen Geschichte noch einmal. Ich wohne in Hötting und habe damit, wenn man genau hinsieht, das Dorf gleich wieder gefunden: Bäcker um die Ecke, Kirchenglocken, Schulbus, Wald vor der Haustür. Eine lange Gasse führt hinunter zum Inn, über die Brücke und hinein in die Altstadt. Dort unten beginnt die andere Welt: enge Gassen, alte Häuser, Laubengänge, Plätze, Cafés und Bars. Man geht zu Fuß und ist überall schnell genug. Und wenn man lange genug geht, beginnt irgendwann der Berg. Im Winter sind Tourenski vor Innenstadtlokalen zu sehen. „Alpin-urban“ – ein Marketing-Leitsatz, der hier mehr beschreibt, als er versprechen muss.
Eine Stadt, die man auch hören kann
Vielleicht bemerkt man die Stadt am deutlichsten dort, wo man sie nicht sieht. Einige wenige Male am Tag startet ein Flugzeug in Richtung Osten. Der Lärm ist tief, laut und von einer beinahe körperlichen Wucht. Besonders hier in Hötting wird die Stadt für einen langen Augenblick hörbar. Eine Stadt macht nämlich auch mit Geräuschen ein Bild.

An dem, was man hört, erkennt man ihre Größe. Und zugleich erinnert einen dieses Geräusch an den nahen Flughafen, diesen rettenden Notausgang, der einen hinaus in die weite Welt katapultiert, wenn irgendwann das umgekehrte Heimweh zu nagen beginnt. Dann ist das Flugzeug wieder fort und Innsbruck wieder still.
Vielleicht ist diese Stille überhaupt ein Teil der Lebenskunst hier. Als Mensch vom Land staunt man darüber. Man kann an einem Werktag im Sommer gegen halb elf Uhr vormittags junge Menschen beobachten, bei denen man sich fragt, warum sie gerade jetzt Zeit für einen knalligen Aperol Spritz haben. Völlig anlassbefreit, einzig dem schönen Augenblick geschuldet – und zu einem Preis, für den man zu Hause wochenlang frühstücken könnte. Vielleicht arbeiten sie später. Vielleicht morgen. Sicher aber findet ein beachtlicher Teil des Lebens außerhalb jener Bereiche statt, in denen es nach Leistung riecht: auf Bergen, in Werkstätten, beim Töpferkurs, in der Nachbarschaftshilfe, bei sportlichen Unternehmungen. Man scheint hier verstanden zu haben, dass das Leben nicht erst am Wochenende beginnt.

Vielleicht hat diese Gelassenheit aber noch eine andere Seite. Ein Teil des Innsbrucker Arbeitslebens liegt in einem eigentümlichen Schutzgebiet: dort, wo Markt, Veränderung und manche große Zumutung etwas weiter entfernt sind. Ein Schutz, den der allergrößte Teil der Menschheit nicht kennt. Vielleicht erklärt das ein wenig jene Selbstverständlichkeit, mit der in Innsbruck über das richtige Leben gesprochen wird.
Es gibt Menschen, die ernsthaft darüber nachdenken, wie wir künftig leben wollen, und andere, die sich mit derselben Ernsthaftigkeit darum kümmern, dass das eigene Wochenende funktioniert.
Dabei wäre es ungerecht, Innsbruck nur nach seinen Widersprüchen zu betrachten. Vieles ist so selbstverständlich gut organisiert, dass man es erst von außen richtig wahrnimmt: Information, Kommunikation, Sauberkeit, Erreichbarkeit, die Dichte und Qualität der Infrastruktur. Manches davon ist nicht nur gut, sondern vorbildlich. Und dann ist da die Vielfalt der Menschen – vielleicht meine schönste Entdeckung nach der Rückkehr. Am Land kennt man viele Menschen; in der Stadt begegnet man vielen verschiedenen, mit unterschiedlichen Herkunftsgeschichten, Berufen und Lebensentwürfen. Und doch sieht man hier auch Menschen, die auf dem Land ganz selbstverständlich Teil eines Betriebes, einer Mannschaft, eines festen Teams wären: Menschen mit leichteren Einschränkungen, die einfach mitarbeiten, ihren Platz haben, dazugehören. Hier sitzen manche von ihnen untertags am Wirtshaustisch. Ihr Dasein, vielleicht auch der Rest eines „Früher einmal konnte ich“, steht dort im aussichtslosen Schatten einer Bierflasche. Auch das ist Stadt, und niemand ist daran schuld.





Man erlebt Freundlichkeit, manchmal verblüffende Freundlichkeit, und natürlich auch das Gegenteil. Und manchmal tragen Menschen ihr Marken-Äußeres so selbstbewusst vor sich her, als wäre das Bessere oder Schlechtere eines Menschen am Ende eine Sache des eigenen Entschlusses.
Vielleicht ist es diese Vielfalt, die den Blick auf das eigene Leben weiter machen könnte. Manchmal scheint es in Innsbruck allerdings umgekehrt zu sein: Je genauer man weiß, wie das richtige Leben auszusehen hat, desto weniger Geduld bleibt für jene, die es anders versuchen. Vieles wird mit großer Überzeugung diskutiert, manches mit erstaunlicher Gewissheit. Aus einer Haltung wird schnell eine Weltanschauung und aus einer Weltanschauung eine Grenze. Gerade eine Stadt müsste eigentlich von ihren Widersprüchen leben dürfen. Ein Paradies braucht wirklich kleine Schatten, um wirklich ein Paradies zu sein.
Zumindest wissen die Busfahrer genau, wo der Bordstein endet. Wer die Höttinger Gasse kennt, weiß, was das heißt. Mit einer Geschwindigkeit, bei der einem als Beifahrer gelegentlich der Atem stockt, schiebt sich der Bus an der Kante vorbei, als wäre zwischen Reifen und Bordstein kein Zentimeter Platz. Immer wieder, immer exakt. Es ist eine ganz eigene Form von Innsbrucker Präzision: schnell durch enge Verhältnisse, ohne anzustoßen.



Südlich, nördlich – und dazwischen
Und wenn einem die Stadt doch einmal zu eng werden sollte, liegt der Süden gleich hinter den Bergen: Südtirol, Venetien, Verona, der Gardasee – andere Sprache, anderes Licht und jene italienische Fähigkeit, selbst einen Spaziergang durch die Abendsonne aussehen zu lassen, als wäre er eine öffentliche Angelegenheit. Ein langer Winter in Innsbruck verliert erstaunlich schnell an Bedeutung, wenn man in Verona durch die Straßen geht oder am Gardasee sitzt. Nach Norden öffnen sich Garmisch, das Tegernseer Tal, Bad Tölz – etwas bayerischer, etwas bieriger.
Innsbruck liegt dazwischen und scheint von beiden Seiten etwas mitbekommen zu haben: vom Süden die Lust am Leben, vom Norden eine gewisse Beharrlichkeit und von Tirol die Fähigkeit, daraus etwas Eigenes zu machen.
Am Abend türmen sich über dem Wipptal die Wolken auf, verfangen sich ineinander und steigen höher und höher. Die Abendsonne färbt sie orange und rot. Für einen Augenblick ist es, als würde sich der Himmel selbst vor dieser Landschaft verneigen und uns daran erinnern, wie viel Grund es gibt, dankbar zu sein, genau hier und genau jetzt leben zu dürfen. Ich könnte dafür niederknien und applaudieren.

Eine kleine Welt
Vielleicht ist das am Ende das Merkwürdige an Innsbruck: Es ist keine Metropole und will es wahrscheinlich auch gar nicht sein. Es ist klein genug, um überschaubar zu bleiben, und groß genug, um einen immer wieder zu überraschen. Aber nur wenige Orte bringen so vieles auf so engem Raum zusammen.
Sicher hat mich Innsbruck schon als Kind deshalb so angezogen. Damals, weil es dort Dinge gab, die man mit nach Hause nehmen konnte. Heute ist es eher umgekehrt. Heute komme ich nach Innsbruck, um etwas zu finden, das man nicht einpacken kann: dieses eigentümliche Gefühl, hier zu sein und die Welt trotzdem ganz nah zu wissen.
Und wenn ich am Morgen am großen Tisch sitze, die goldenen Kugeln des Doms im ersten Licht leuchten und der Kaffee duftet, denke ich manchmal, dass Heimat vielleicht gar nicht viel braucht. Ein Fenster. Berge. Einen Bäcker um die Ecke. Kirchenglocken. Ein Flugzeug in der Ferne.
Und eben keine Fliegen.




