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Von Wetscher in die Welt

Ein Gespräch mit Rio Kobayashi

Manche Wege beginnen ganz in der Nähe – und führen dann um die halbe Welt.

Als Rio Kobayashi aus Japan nach Tirol kam, um seine Großmutter in Jenbach zu besuchen, ahnte er noch nicht, dass dieser Aufenthalt seinen weiteren Lebensweg prägen würde. Über eine Empfehlung wurde er auf Wetscher aufmerksam und entschied sich, seine Lehre zum Tischler in Fügen zu absolvieren.

Heute lebt und arbeitet Rio in London. Mit seinen Möbeln, Leuchten und Designobjekten hat er sich international einen Namen gemacht. Im vergangenen Jahr wurde er beim London Design Festival mit der Emerging Design Medal ausgezeichnet – einer der renommiertesten Auszeichnungen für aufstrebende Designerinnen und Designer.

Im exklusiven Interview blickt er auf seine Lehrzeit zurück und erzählt, warum ihn diese bis heute begleitet.

Was hat dich damals auf die Idee gebracht, eine Lehre bei uns zu starten?

Ich kam nach Tirol, um meine Großmutter zu besuchen – mit dem Traum, nach der Schule Möbelgestalter zu werden. Während ich Deutsch lernte, bekam meine Großmutter aus ihrem Freundeskreis die Empfehlung, dass es in der Nähe eine möbel- und designinteressierte Firma gäbe, die sich für eine Lehre gut eignen würde. Das war Wetscher. Außerdem stellte sich heraus, dass das Wetscher-Gebäude von Wolfgang Pöschl, dem Vater eines Freundes, entworfen und gebaut worden war.

Rio Kobayashi und Wetscher Werkstättenleiter Robert Tanner

Was bleibt dir vor allem anderen in Erinnerung aus dieser Zeit? Was hast du in dein späteres Leben mitgenommen?

Ich erinnere mich besonders an das multikulturelle, offene und freundliche Team in der Werkstatt. Am Anfang wollte ich unbedingt „perfektes Hochdeutsch“ sprechen, was es ein wenig schwierig machte, mich einzufinden. Irgendwann fing ich an, den Zillertaler Dialekt zu imitieren – und plötzlich wurde ich wie selbstverständlich in die Familie aufgenommen. Daraus habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich auf eine Gemeinschaft einzulassen, um wirklich Teil davon zu werden.

Was war das Wichtigste, das du bei uns gelernt hast – außer Tirolerisch?

Natürlich Zillertalerisch und gutes Handwerk! Aber vor allem habe ich gelernt, wie wichtig Teamarbeit ist: Respekt für die Rolle jedes Einzelnen, Verantwortung für das gemeinsame Projekt und gegenseitige Unterstützung. Dieses Gefühl von Zusammenhalt begleitet mich bis heute – auch jetzt, wo ich selbst ein kleines Team leite.

Deine Lautsprecher und Möbel folgen einer ganz eigenen Handschrift – verspielt, überraschend und unverwechselbar. Wie wichtig ist dir Leichtigkeit im Design?

Die Lautsprecher heißen Play 01 und Play 02, dazu der Factory Amplifier. Mit ihnen habe ich meinen Weg zu einer eigenen Designidentität gesucht. Es gibt so viele Designobjekte auf der Welt – Aufmerksamkeit erreicht man nur, wenn man etwas Eigenes schafft. Ich wollte Dinge entwerfen, die mich selbst begeistern, die überraschen und vielleicht auch ein wenig positiv verwirren. Dieser spielerische Ansatz war immer mein Kompass.

Du hast in Mailand, Paris, Berlin und heute in London gearbeitet. Für die Produktion deiner Lautsprecher bist du dennoch wieder auf Wetscher zugekommen. Warum?

Die Zeit bei Wetscher hat mir die Welt des Handwerks geöffnet: zu verstehen, wie Dinge entstehen und wie man Ideen in einer Werkstatt realisieren kann. Dieses Wissen ist bis heute ein unschätzbarer Vorteil – auch in der Zusammenarbeit mit Herstellern.

Bei diesem Projekt habe ich mit WLM zusammengearbeitet, die in Österreich hochwertige Soundsysteme entwickeln. Da ich damals in London lebte und durch den Brexit möglichst lokal produzieren wollte, fiel mir sofort Wetscher ein. Umso schöner war es, wieder nach Fügen zu kommen und so herzlich aufgenommen zu werden. Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft noch spannende Projekte gemeinsam umsetzen können.

Was war bei der Produktion besonders wichtig – gerade im Hinblick auf die feinen Einlegearbeiten?

Das Wichtigste war die gemeinsame Leidenschaft, ein wirklich gutes Stück entstehen zu lassen. Qualität entsteht für mich, wenn alle denselben Anspruch teilen und jeder sein Wissen einbringt. Das zeigt sich am Ende in den kleinen Dingen – in der Präzision und in der Sorgfalt bis zum Schluss. Diese Haltung kenne ich aus meiner Zeit bei Wetscher, und sie ist geblieben.

Johannes Wetscher, Rio Kobayashi und Magdalena Bortolotti (Einkauf und Verkaufsleitung)

Wo Ideen ihren Anfang nehmen

Internationale Karrieren entstehen selten über Nacht. Meist beginnen sie mit Menschen, die ihr Wissen weitergeben, mit einer Werkbank, an der man die Grundlagen lernt, und mit der Freude, gemeinsam etwas entstehen zu lassen.

Rios Weg zeigt, wie weit eine solide handwerkliche Ausbildung tragen kann. Und manchmal schließt sich dabei sogar ein Kreis – wenn aus einem ehemaligen Lehrling ein international erfolgreicher Designer wird, der für seine eigenen Projekte wieder dorthin zurückkehrt, wo alles begann.

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