Ein Eintrag aus meinem Reisetagebuch. Diesmal nicht aus Indien, Paris oder Mailand, sondern aus Mödling. Manchmal führen die weitesten Reisen nicht in andere Länder, sondern zurück zu dem Menschen, der man einmal war.
Ein Klassentreffen ist eine seltsame Angelegenheit. Man fährt hin, um Kollegen und Freunde wiederzusehen. Und trifft dabei manchmal nicht nur alte Bekannte, sondern auch sich selbst.
Seit Tagen überlege ich, ob ich überhaupt fahren soll. Vierzig Jahre nach der Matura. Vierzig Jahre nach einer Schule, die junge Menschen aus den entferntesten Ecken Österreichs zusammengeführt hat. Vierzig Jahre nach einer Zeit, die so weit weg scheint wie ein anderes Leben.

Ich erinnere mich noch genau: Als Schüler sind wir einmal am Haupttor unserer Schule an einer Gruppe älterer Herren vorbeigegangen. Die wenigen Haare weiß, schlecht sitzende Anzüge, praktische Handtaschen, Opel Kadett und die ersten Beschwerden. Klassentreffler. Ein Universum von unserem Leben entfernt. Wir würden anders werden. Ganz anders. Ganz sicher.
Heute sind wir die Klassentreffler.
Dazwischen liegen ganze Leben. Glück und Mühsal. Frauen und Kinder. Karrieren und Schicksale. Wirklich niemand hat uns darauf vorbereitet, wie schnell vierzig Jahre vergehen können.
Der Tag verspricht der erste schöne Sommertag des Jahres zu werden. Die Bahn bringt mich nach Wien und weiter nach Mödling. Zweihundertfünfzig Kilometer in der Stunde. Zeitweise. Der Zug gleitet heute beinahe geräuschlos durchs Land – kühl, präzise und diskret. Damals dauerte dieselbe Reise Stunden länger.

Doch während die Reise schneller geworden ist, bin ich mir bei meinen Erinnerungen nicht ganz sicher. Vielleicht sind sie langsamer geworden. Vielleicht schwerer. Vielleicht tragen sie heute mehr Gepäck als damals.
Auch Mödling hat sich verändert. Oder vielleicht sehe ich die Stadt nur mit anderen Augen.
Jedenfalls erinnert nur noch wenig an das graue Mödling der Achtzigerjahre, über dem damals noch ein dumpfer Hauch von Besatzung lag, der sich in den Wintermonaten so gut mit dem eisigen Ostwind verstand. Für ein jugendliches Heimweh ins sonnige Tirol waren das beinahe ideale Voraussetzungen.
Heute ist vieles heller, gepflegter und freundlicher als in meiner Erinnerung. Der Hauptplatz liegt hübsch in der Sonne. Vom Kirchplatz aus sieht man weit hinten die Schule.
Und plötzlich wird mir klar, dass ich nicht nur wegen meiner ehemaligen Mitschüler hier bin. Vielleicht bin ich wegen dieser Schule gekommen.


Die Schule des Staunens
Sie hatte junge Leute aus allen Ecken des Landes eingesammelt und über Jahre hinweg geprägt. Nicht nur fachlich. Tiefer.
Unser Klassenvorstand war ein Schüler von Karl Schwanzer. Für Architekturinsider eine österreichische Legende. Über die Jahre zeichnete er uns Jahrtausende Kunst- und Architekturgeschichte an die Tafel. Mit seinen Skizzen nahm er uns mit vom Alten Orient bis in die Gegenwart, von Tempeln und Kathedralen bis zu den großen Architekten der Moderne. Kairo. Kreta. Mykonos. Der Dom von Speyer. Die Pariser Impressionisten. Marcel Breuer und die Geschichte, warum Stahlrohr manchmal ehrlicher sein kann als Holz.
Es war kein Unterricht. Es war ein Mitnehmen. Ein Verführen. Ein Öffnen von Fenstern in eine größere Welt. Seine Geschichten und Erzählungen konnten Zusammenhänge von erstaunlicher Tiefe erschließen.

Seine Beurteilungen waren streng. Sie haben uns zuverlässig hinter den Ofenbänken der damals weit verbreiteten Lagerhausarchitektur hervorgeholt.
Und dann war da noch unser Professor für Licht, Farbe und Innenraumlehre. Ein Mann aus jener legendären Architekturgeneration, aus der später Hollein, Peichl, Lackner und andere hervorgingen.
Seine Handschrift war von einer Präzision, bei der das Wort „Spationierung“ beinahe schon grob wirkt. Die Buchstaben setzte er so fein aufeinander abgestimmt aneinander, dass zwischen ihnen eine beinahe musikalische Ordnung entstand. Aus der Ferne wirkte die Schrift wie ein Muster. Aus der Nähe schienen sich die Buchstaben in Leserichtung die Hand zu reichen. Schon damals haben wir das als etwas Besonderes verstanden.
Da war Günther, der schon als Jugendlicher zeichnete wie ein kleiner Gott. Strich, Licht und Schatten beherrschte er mit einer Selbstverständlichkeit, die weit über sein Alter hinausging. Perspektiven entstanden unter seinen Händen beinahe fotorealistisch. Da war Franz, der Kegelschnitte in allen Lagen konstruieren konnte, als wären sie einfache Rechenaufgaben. Und Nino, der in Kunstgeschichte Ölbilder malte, die eher nach Akademie als nach Schulbank aussahen.

Damals erschien uns das beinahe normal. Heute frage ich mich, wie ungewöhnlich diese Umgebung eigentlich war.
Schönheit, Gestaltung, Technik, Handwerk, Architektur und Kunst waren dort nicht bloß Unterrichtsfächer. Sie bildeten ein dichtes Geflecht von Interessen und Fähigkeiten, das tief in unser Denken eindrang. Vielleicht haben wir dort mehr gelernt als Innenarchitektur.
Sicher lernten wir das Staunen, die Leidenschaft für Schönheit und die Freude daran, die Welt genauer anzuschauen.
Wer kommt, wer schleicht sich herbei
Beim alten Mautswirtshaus, beim Maier-Wirt, sitzen schon die ersten. Wir sitzen draußen. Ein erstes Bier. Vorsichtige Blicke. Manche schleichen beinahe heran wie am ersten Schultag. Erkenne ich sie noch? Erkennen sie mich?

Die ersten Minuten eines Klassentreffens sind eigenartig. Jeder versucht gleichzeitig locker und erfolgreich zu wirken, während man heimlich das Gesicht des anderen nach Spuren der vergangenen vierzig Jahre absucht.
Der eine redet vom Leben. Der andere von früher. Ein dritter von seinem Arztbericht. Dazwischen tauchen die alten Geschichten auf. Zum hundertsten Mal erzählt. Und trotzdem lachen wir an denselben Stellen wie vor vierzig Jahren.
Erstaunlich ist, wie hartnäckig manche Verbindungen sind. Aus einer gemeinsam verbrachten Schulzeit können Bekanntschaften entstehen. Manchmal Freundschaften. Und gelegentlich Menschen, die einen ein Leben lang begleiten.
Was niemand eingeladen hat
Man hätte sich gewünscht, dass ein Abend wie dieser die guten Dinge zurückbringt. Tiefe Freundschaften. Die erste Liebe. Die langen Sommer am Badesee. Den Stolz über eine gelungene Arbeit. Und dieses sagenhafte Gefühl nach der Matura, als die Welt noch größer schien als die eigenen Möglichkeiten.
Stattdessen sitzen auf einmal ganz andere Gäste mit am Tisch.
Die Angst zu versagen. Der Leistungsdruck. Das Heimweh. Alte Verletzungen, die man längst vergessen glaubte. Sie sind alle gekommen. Ungefragt. Ohne Anmeldung.
Und die anderen – die guten – sie haben sich, in gewohnter Mödlinger Manier, dispensiert.

Vielleicht ist das die eigentliche Überraschung solcher Abende. Nicht die Begegnung mit den anderen. Sondern die Begegnung mit jenem Menschen, der man selbst einmal war.
Die gemeinsame Erfindung der Vergangenheit
Und dann stellt sich die Frage, die ich mir eigentlich schon am Bahnhof hätte stellen können: Wer trifft sich hier eigentlich? Sind es die Menschen von früher? Oder sieht jeder nach ein paar vertrauten Gesten und bekannten Lachern einfach wieder den Menschen von damals?
Es scheint mir das eigentliche Manöver solcher Abende zu sein. Man einigt sich stillschweigend auf eine gemeinsame Version der Vergangenheit. Jeder bringt seine Erinnerungen mit. Jeder seine Leerstellen.
Und gemeinsam entsteht daraus etwas Drittes: die Version von damals.
Vielleicht wäre ich an diesem Wochenende tatsächlich lieber mit meiner Frau nach Florenz gefahren. Dort wären die Fassaden älter gewesen, die Erinnerungen nicht weniger prägend und die Gespräche verträumter.
Vielleicht auch nicht.
Denn erst auf der Heimfahrt wurde mir klar, dass ich an diesem Wochenende nicht nur wegen eines Klassentreffens nach Mödling gefahren war.
Ich war zurückgekehrt an einen Ort, der mich weit stärker geprägt hatte, als ich damals ahnen konnte.
Vielleicht war das eigentliche Geschenk dieser Schule nicht die Innenarchitektur. Vielleicht war es die Fähigkeit, auch Jahrzehnte später noch staunen zu können – über einen Raum, eine Stadt, ein Möbelstück, ein Bild oder einen Menschen.




