Der Zug fährt weiter nach Süden. Weniger Grün, mehr Staub. Und ein Blick, der höher wird: auf Landschaften, Tiere – und auf das, was Menschen in Gruppen aus sich machen.
Überblick
Aus Reiseteilnehmern ist längst eine Reisegesellschaft geworden. Vielleicht, weil es kein funktionierendes Internet gibt. Vielleicht, weil der Veranstalter statt Empfang ein sorgfältig kuratiertes südafrikanisches Weinsortiment an Bord gebracht hat. Man kennt das kaum noch: Man spricht miteinander. Man hört zu. Man wiederholt sich. Man kommt sich näher, freundet sich an – und irritiert sich.


Man kennt sich jetzt. Und tatsächlich scheint hier jeder eine besondere Geschichte zu haben, warum er genau jetzt hier ist. Es sind Abschlüsse oder Neuanfänge. Lust oder Leid. Manchmal einfach die Faszination am Fremden, um sich selbst wieder als Teil von etwas Größerem zu begreifen. Es erinnert ein wenig an „Mord im Orient Express“ – nur ohne Verbrechen. Stattdessen die stille Erkenntnis, dass jede Biografie ihre eigenen Wendepunkte kennt.

Weiter nach Süden
Der lange Zug mit seinen Schlaf- und Speisewagen bewegt sich weiter nach Süden. Sambia, Simbabwe, Botswana liegen hinter uns. Das satte Grün, die fruchtbare Erde, die Üppigkeit voller Früchte weichen dem Buschland. Gelb, Braun, vereinzelte grüne Büsche in größerem Abstand. Es wird wärmer. Die Felder trockener. Die Gräser sind gelb, der Horizont staubig blaugrün, und dort, wo nichts mehr wächst, zeigen sich Risse im Boden.
Auch mein Blick in den Spiegel zeigt, daß ich den Zug vom Aussehen her schon überholt habe, Richtung Süden. Das Alter ist hier sichtbarer als im Alltag. Die Hitze duldet keine Inszenierung. Und plötzlich steht die Frage im Raum: Wo sind die Jahre geblieben?

Da ist das englische Ehepaar mit Downton Abbey Umgangsformen. Sie, weit über Achtzig optisch auch schon an der Kalahari angekommen, betritt jeden Morgen den Speisewagen mit dem lachend, lauten Satz: „I’m still alive!“
Da ist der Unternehmer Mitte fünfzig, der seine Firma verkauft hat und nun zwischen Erleichterung und Leere reist. Das Lehrerehepaar, das jede Leistung am bezahlten Gegenwert misst. Der stille Beobachter. Der Dauerkommentator. Der Optimist. Und auch Menschen aus der Schweiz die trotzdem gesellig & angenehm unterhaltsam sein können.
Je länger man hinsieht, desto klarer werden die Typen. Und desto deutlicher erkennt man sie auch zu Hause. Jeder ist hier, um etwas zu zeigen – und von jedem lässt sich etwas lernen. Am meisten vielleicht von jenen, die einem zunächst unsympathisch sind. Sie halten einem oft den deutlichsten Spiegel vor: nicht dessen, was man ist, sondern dessen, was man werden könnte.

Die Landschaft wird karger. Ocker, Staub, fahles Grün. Die Hitze ist direkt. Man bewegt sich langsamer, denkt sparsamer. In der Tierwelt wirkt alles stimmig. Das Elefant springt nicht wie ein Impala, der Elefant versucht nicht, schnell zu sein. Jedes Tier ist in seiner Eigenart vollständig.
Ich denke an Führungsgespräche, an Zielvereinbarungen, an das leise Missverständnis, das sich dort oft einschleicht: dass Entwicklung Gleichförmigkeit bedeute. Dass man Menschen verbessern könne, indem man sie angleicht.
Wenn das Netz verschwindet
Je weiter wir nach Süden kommen, desto dünner wird das Mobilfunkt-Netz. Erst stockt es, dann verschwindet es ganz. Kein Empfang. Kein Scrollen. Keine E-Mails, die mit roter Dringlichkeit Aufmerksamkeit verlangen. Zunächst ist das ungewohnt. Der Reflex bleibt: der Griff zum Telefon, das kurze Prüfen, das nichts ergibt.
Dann beginnt etwas anderes.

Gespräche dauern länger. Pausen bleiben stehen. Man hört einander zu – nicht aus Disziplin, sondern weil nichts lauter ruft. Abends wird gesprochen. Mehr als sonst. Es wird erzählt, kommentiert, verglichen. Und getrunken. Nicht maßlos, aber regelmäßig. Als gehöre das Glas zur Legitimation des Gedankens.
Ich beobachte, wie sich Dynamiken bilden. Wer dominiert, wer zuhört, wer provoziert, wer versöhnt. Es ist ein kleines Labor, fern jeder Hierarchie. Und doch entstehen Rollen. Fast automatisch.
Man könnte meinen, Führung entstehe nur durch Ernennung. Doch oft entsteht sie durch Haltung. Wer ruhig bleibt, wird gehört. Wer fragt, bekommt Antworten. Wer alles weiß, bleibt allein.

Unsere Reisegesellschaft ist in diesen Tagen zu einer kleinen, in sich geschlossenen Welt geworden. Menschen, die einander vorher fremd waren, teilen Tisch, Hitze, Staub und den Blick aus dem Fenster. Typen werden sichtbar: der Organisierende, der Skeptiker, der Enthusiast, die Vermittlerin, der Dauererzähler, die, die schweigt und doch alles bemerkt. Wie in einem Unternehmen zeigt sich rasch, dass nicht alle gleich sind – und dass gerade darin die Stabilität liegt. Es braucht den, der drängt, und die, die bremst. Den, der infrage stellt, und die, die trägt. Niemand würde vom Impala Gelassenheit einfordern oder vom Elefanten Leichtigkeit. Man akzeptiert das Wesen des Tieres.
Bei Menschen fällt uns das schwerer.
Vielleicht, weil wir glauben, Formbarkeit sei Fortschritt.

Rollen
Auch im eigenen Unternehmen begegnen sie einem täglich. Der Antreiber. Die Skeptikerin. Der Präzise. Die Vermittlerin. Der Visionär. Der Bewahrer. Der Macher. Zwischen all diesen Eigenarten gibt es nach meiner Erfahrung nur einen produktiven Umgang: zu erkennen, was jemanden wirklich besonders macht. Was jemand wirklich gut kann. Oft wissen die Betroffenen das selbst nicht.
Zwischen all diesen Eigenarten gibt es nur einen produktiven Umgang: zu erkennen, was jemanden wirklich besonders macht. Führung bedeutet nicht, Menschen zu verändern, sie zu verbiegen. Sie bedeutet, vorhandene Stärken sichtbar zu machen.

Im Reservat beobachte ich mehrere Tage ein Wasserloch. Zebras streiten um den besten Platz. Elefanten treten ruhig heran. Impalas warten nervös auf ihren Moment. Schon am zweiten Tag erkennt man ein Muster. Keine geschriebene Regel, kein sichtbarer Plan – und doch funktioniert es. Jede Art kennt ihre Rolle. Und jede Rolle hat ihren Sinn.

Solange kein „Wichtikus“ versucht, den Elefanten zum Springbock zu machen.
Ich habe einen großen Teil meines Berufslebens genau damit verbracht. Nicht mit dem Umbauen von Charakteren, sondern mit dem Platzieren von Stärken. Es ist keine Voraussetzung, mit jedem Mitarbeiter befreundet zu sein. Aber es hilft. Und es macht unendlich mehr Freude.
Wieder zu Hause
Meine Firma ist nicht nur ein Unternehmen. Sie ist ein Teil meines Lebens. Und ich habe nicht nur eine Familie im engen Sinn. Meine Familie, mein Alltag, mein Denken – all das ist auch meine Firma.
Meine Mitarbeiterinnen & Mitarbeiter sind nicht austauschbar. Sie alle sind Mitgestalter. Viele von ihnen halte ich für klüger als mich selbst. Wirklich jede und jeder Einzelne kann etwas viel besser als ich.
Deshalb freue ich mich wieder auf zu Hause. Auf die Arbeit. Auf mein Team und meine Kunden. Auf das tägliche Ringen um den besten Platz am Wasserloch.
Und vielleicht ist das der eigentliche Vorteil meines Berufs: Ich verkaufe keine Schrauben. Ich arbeite mit den schönen Dingen des Lebens – vermutlich mit den schönsten. Mit Räumen, Licht, Materialien, mit dem, was Menschen täglich umgibt, ohne dass sie es immer bewusst bemerken.
Wir alle bei Wetscher helfen unseren Kunden nicht nur beim Einrichten. Wir helfen ihnen, eine eigene Reise anzutreten: in ihr Zuhause, in ihr persönliches Land. Ein Ort, der trägt, der beruhigt, der stärkt.
Vielleicht ist das auch eine Form von Überblick.





















NS: Dieser Text geht auf Tagebuchnotizen zurück – Tinte auf Papier. Wie das bei Notizen ist, stehen manche Sätze zu kurz, andere zu lang, manche Übergänge sind nur dem Verfasser selbst verständlich. Für die veröffentlichte Fassung durfte eine KI deshalb glätten, ordnen und behutsam kürzen. Sie hat dabei weniger erfunden als sortiert.
Darüberhinaus sind Fortsetzungen selten so erschöpfend wie ein erster Teil.




