Eine Zugreise durch das südliche Afrika. Kein Bericht über Orte, sondern über Zeit, Arbeit und den Moment, in dem sich der Blick verschiebt. Ein Text über das Unterwegssein – und darüber, was sichtbar wird, wenn man nicht mehr vorne sitzt.



Von der Schwierigkeit, über Reisen zu schreiben
Empfehlungen von Reisezielen genießen einen zweifelhaften Ruf. Sie verraten meist weniger über Orte als über jene, die sie aussprechen. Über ihre augenblicklichen Bedürfnisse, ihre lange genährten Sehnsüchte, manchmal auch über ihre Bereitschaft, sich selbst im Spiegel der Ferne neu zu erfinden. Ein Reisebericht wiederum ist oft schon ein Schritt weiter: ein Zuviel an Nähe, eine unbeabsichtigte Preisgabe persönlicher Koordinaten, die den respektvollen Abstand zwischen Leser und Verfasser verkleinert. Nicht jeder Gedanke, der unterwegs entsteht, verlangt nach Öffentlichkeit. Und nicht jede Erfahrung gewinnt, wenn man sie teilt.

Was folgt, will deshalb weder Empfehlung sein noch Einladung. Eher eine Bewegung des Denkens, ausgelöst durch eine Reise, die sich – wie sich erst später zeigen sollte – weniger durch Geografie als durch Zeit definiert.
Ein runder Geburtstag und die Kunst der Abwesenheit
Ein runder Geburtstag verschiebt den Blick. Nicht abrupt, nicht dramatisch, eher so, wie sich das Licht am späten Nachmittag verändert: Die Konturen werden weicher, die Schatten länger, das Drängende verliert an Schärfe. Nach Jahrzehnten unternehmerischer Verantwortung, nach einem Berufsleben, das vom Vorausdenken geprägt war, vom Lenken, Entscheiden, Korrigieren, wurde plötzlich etwas sichtbar, das lange kaum Raum hatte: die Möglichkeit, nicht anwesend zu sein. Nicht erreichbar. Nicht zuständig.

Die Entscheidung für eine dreiwöchige Zugreise durch das südliche Afrika – von Tansania bis Kapstadt – fiel nicht aus Abenteuerlust. Sie war kein Aufbruch, sondern ein Versuch. Ein Großversuch, wie man in der Sprache der Betriebsorganisation sagen würde. Ein Leben ohne tägliche Präsenz im Unternehmen, ohne den gewohnten Blick nach vorne, ohne die Notwendigkeit, rechtzeitig zu bremsen oder die Weiche zu stellen. Zum ersten Mal saß ich nicht in der Lokomotive. Ich war Passagier.

Über Fahrpläne, Stillstand und fremde Entscheidungen
Der Zug ist ein eigensinniges Verkehrsmittel. Er gehorcht nicht dem Rhythmus moderner Beschleunigung, sondern seinem eigenen, oft schwer nachvollziehbaren Zeitmaß. Es gibt Strecken, da ist man erstaunlich früh, weit vor dem Fahrplan, und andere, da scheint Stillstand zum System zu gehören. Stundenlanges Warten, weil Wasser nachgefüllt werden muss. Oder Diesel. Oder weil ein Bahnhofsvorstand entschieden hat, dass jetzt nicht der richtige Moment zum Weiterfahren sei. Die Gründe bleiben diffus, die Konsequenz eindeutig: Man fährt, wenn man darf.

Es ist eine Erfahrung, die Unternehmern nicht fremd ist, auch wenn sie im Alltag gerne verdrängt wird. Der Glaube an Steuerbarkeit ist hartnäckig, die Realität meist weniger kooperativ. Das Dazwischen – Auf und Ab, multipliziert mit Risiko – ist Unternehmertum.
Wohnen ohne Grundriss
Die Landschaft, die am Fenster vorbeizieht, ist von einer Üppigkeit, die sich der schnellen Einordnung entzieht. Grün in unzähligen Schattierungen, Felder, die sich in ruhiger Wiederholung verlieren, dazwischen Dörfer, Rundhütten mit schilfgedeckten Dächern, so selbstverständlich in ihre Umgebung gesetzt, dass selbst ein ungeübtes Auge ihre Schönheit erkennt. Fast immer ein Baum in unmittelbarer Nähe, als hätte man sich darauf geeinigt, dass Wohnen ohne Schatten unvollständig sei.

Rund um die Hütten liegen kleine Gärten, unregelmäßig, unterschiedlich, aus der Ferne wie Teppiche, kunstvoll und wertvoll, ohne Symmetrie, ohne Plan. Die Hütte selbst scheint kaum mehr als ein Schlafraum zu sein. Gekocht, gearbeitet, gespielt, gelebt wird draußen, unter dem Baum, im offenen Raum. Wohnen als Beziehung, nicht als Grundriss.
Unweigerlich drängen sich Gedanken an die europäische Wohnlogik auf. An die strenge räumliche Aufteilung, an Küchen, Schlafzimmer, Funktionszonen. Und ebenso an ihr Gegenteil: an die radikale Auflösung von Raumgrenzen, wie sie die Moderne propagiert hat. Le Corbusier, Mies van der Rohe – große Namen, große Konzepte. Und doch stellt sich hier, im Vorüberfahren, leise die Frage, ob nicht beides nur Episoden sind. Überbaute Geschichte im Vergleich zu einer Praxis, die sich über Jahrtausende bewährt hat.
Wiederholung, Langeweile und das seltene Ereignis

Manchmal verlieren sich die endlosen Weiten in meditativer Wiederholung. Der Geist passt sich dem Rhythmus der Wagenräder an, denkt nichts mehr. Oder ist das bereits Langeweile? Jene Langeweile, die man in der Unternehmensführung gerne als stringente Markenführung adelt: das immer Gleiche, zu lange, zu konsequent. Doch erst im Routinierten wird man gut: Man wird zur Marke, zum Experten. Und erst wenn der Geist nicht mehr nach vorne drängt, beginnt die Wahrnehmung wieder zu arbeiten. Zuhause über Jahrzehnte, hier in der weiten Landschaft über Stunden.
Und dann, unvermittelt, die Höhepunkte. Erwartete und unerwartete. Das schüchterne Lächeln eines kleinen Mädchens auf dem Rücken seiner Mutter gehört zu den letzteren.
Perspektiven, Wettbewerb und ein falscher Gedanke

Die Natur zeigt sich als permanenter Wettbewerb. Während Giraffen genüsslich die jungen Triebe von oben abfressen, wachsen manche Bäume so hoch, dass selbst sie nicht mehr heranreichen. Anpassung als älteste Form von Strategie.
Ein junger Mann mäht eine öffentliche Grasfläche mit einem Werkzeug, das wie aus einer anderen Zeit wirkt. Gebückt, unregelmäßig, ineffizient, möchte man meinen. Ein Gedanke schleicht sich ein: Hat hier jemand je eine Sense gesehen? Der Gedanke ist kaum da, da ist er schon verdächtig.

Denn bei uns fährt auch niemand ins westliche Nachbarland und fragt nach, wie man mit wenigen Prozent Steuern einen Staat organisiert, der funktioniert – und dabei nicht von Defiziten spricht, sondern von Überschüssen. Wir bleiben in unseren eigenen Erzählungen, im warmen Licht der Selbstgewissheit. Und wundern uns, dass sich manche Probleme so hartnäckig halten. Perspektiven täuschen. Auch das ist eine Erkenntnis, die sich nicht nur auf Reisen einstellt.
Wenn der Unternehmer Passagier wird
Mit der Zeit beginnt man zu verstehen, dass der Zug nicht verspätet ist. Er folgt nur einer anderen Logik. Einer, die sich nicht an Effizienz misst, sondern an Bedingungen. Am Zustand der Schienen. Am Wasserstand. Am Willen einzelner Menschen, die an Punkten sitzen, die auf keiner Landkarte als entscheidend markiert sind – und es doch sind.

Unternehmer verbringen ihr Berufsleben damit, diese Punkte zu identifizieren. Sie geben ihnen Namen wie Schlüsselpositionen, Schnittstellen, Verantwortungsträger. Sie entwickeln Organigramme, Prozesse, Stellvertreterregelungen. Und dennoch bleibt da immer ein Rest: die Unverfügbarkeit. Der Bahnhofsvorstand, der nicht will, dass man weiterfährt.
Jahrzehntelang saß ich vorne. Blick nach vorn, immer. Geschwindigkeit halten, manchmal erhöhen, rechtzeitig bremsen. Entscheidungen treffen unter Unsicherheit, mit unvollständigen Informationen, mit der Gewissheit, dass Stillstand keine Option ist. Verantwortung ist kein Zustand, sie ist eine Bewegung.

Jetzt sitze ich im Waggon und stelle fest, wie ungewohnt das ist. Wie schwer es fällt, nichts zu tun, wenn etwas nicht vorangeht. Wie tief der Impuls sitzt, einzugreifen, zu erklären, zu beschleunigen. Und wie viel Kraft es kostet, ihn auszuhalten.
Geduld hat wenig mit Romantik zu tun. Sie ist eine nüchterne Disziplin. Auch das kennt man aus der Unternehmensführung: Märkte, die sich nicht bewegen lassen. Strukturen, die sich nur langsam verändern. Zeiten, in denen das Beste, was man tun kann, ist, nichts zu tun.
Der Blick aus dem Fenster verändert sich mit der Geschwindigkeit. Je langsamer der Zug, desto mehr Details treten hervor. Ich beginne zu ahnen, wie viel mir im Berufsleben entgangen ist, gerade weil ich vorne saß. Unternehmen werden gerne als Maschinen beschrieben. Der Zug widerspricht. Er ist ein Organismus. Abhängig von Menschen, Ressourcen und Zufällen. Wer das ignoriert, zahlt früher oder später den Preis.

Je weiter wir fahren, desto deutlicher wird mir: Diese Reise ist kein Rückzug. Sie ist eine Verschiebung des Blicks. Nicht als endgültiger Zustand, sondern als notwendige Phase.
Der Zug ruckelt erneut. Irgendwo wird Wasser nachgefüllt. Ich bleibe sitzen. Schaue hinaus. Und beginne zu verstehen, dass Führung vielleicht nicht darin besteht, immer vorne zu sein – sondern zu wissen, wann es Zeit ist, den Platz zu wechseln.
Kein Schluss
An den Viktoriafällen wirkt das Wasser von oben zunächst ruhig. Eine breite Fläche, fast wie ein See. Dann endet sie abrupt. Das Wasser stürzt in einen schmalen Graben, verschwindet im Nebel.

Ich stehe dort und denke an ein Berufsleben, in dem Sorgen zum Inventar gehörten. Nicht als Ausnahme, sondern als tägliche Begleitung. Als wäre Wachsamkeit ohne Anspannung nicht denkbar.
Hier, an dieser Kante, wird der Wunsch überraschend schlicht: Dass es reicht. Dass diese Jahrzehnte an unternehmerischen Sorgen endlich abfließen dürfen. Erst leise, dann unaufhaltsam. Hinunter, weg, in die Gischt.
Auf der anderen Seite wächst im feuchten Licht alles dicht und selbstverständlich. Als hätte es nie etwas anderes getan.


Die Landschaft zieht weiter. Der Zug fährt. Und irgendwo zwischen Tansania und Kapstadt bleibt ein Gedanke zurück, der keinen Schluss braucht.
Lass dir Zeit.


































NS: Dieser Text geht auf Tagebuchnotizen zurück – Tinte auf Papier. Wie das bei Notizen ist, stehen manche Sätze zu kurz, andere zu lang, manche Übergänge sind nur dem Verfasser selbst verständlich. Für die veröffentlichte Fassung durfte eine KI deshalb glätten, ordnen und behutsam kürzen. Sie hat dabei weniger erfunden als sortiert.




